Die Chemie des Bösen – Ein Gedanke zur Serie „Breaking Bad“

In der US-Fernsehserie Breaking Bad wird der Weg von Walt, einem Chemie-Lehrer und Familienvater, zum mordenden Drogenproduzenten geschildert. Die schon im Titel angezeigte Thematik des böse-Werdens wird hier in engsten Zusammenhang mit der Chemie gerückt. Dies zeigt schon das Titel-Design an. Die Kürzel des chemischen Periodensystems der Elemente heben den Wortanfang jeweils typographisch hervor. So bilden die Kürzel für Brom (35) bzw. für Barium (56) jeweils den Anfang der beiden Titelwörter. Dass hier eine symbolische Beziehung zwischen der Chemie und dem moralisch Bösen hergestellt wird, ist nicht zu übersehen. Aber wie ist sie zu verstehen?

Einen wichtigen Hinweis gibt eine Szene der ersten Folge. Als Walter seine Zuhörer zu Beginn eines Kurses fragt, was der Gegenstand der Wissenschaft der Chemie sei, antwortet ein Student: „Chemikalien“. Doch so plausibel diese Auskunft scheint, so zirkelhaft ist sie. Der Lehrer weist sie kurz angebunden als falsch zurück. Richtiger sei Chemie die Wissenschaft von der Materie zu nennen. Doch sogleich fügt Walt eine andere, von ihm bevorzugte Definition hinzu:  Chemie sei die Wissenschaft des Wandels.
Diese Auskunft ist höchst aufschlussreich – sie führt auf einen Gedanken, der sehr viel weiter reicht, als der einfache Gegensatz zwischen Materie und Psyche. Letzterer wird etwa in einer anderen Szene aufgegriffen, in der Walter als Student der Chemie mit seiner damaligen Freundin darüber reflektiert, dass bei der Analyse der chemischen Zusammensetzung des Körpers ein Fehlbestand von etwa 0,1% des Gewichts des menschlichen Körpers auftrete (vgl. hierzu Darryl J. Murphy, Heisenberg’s Uncertain Confession, in: David R. Koepsell, Robert Arp (Hg.), Breaking Bad and Philosophy, Chicago 2012,S. 15–27). Statt wie hier aber nur auf eine Unfähigkeit des Materialismus zu deuten, für moralische Sachverhalte aufkommen zu können,  setzt Walt´s Definition der Chemie über den Begriff des Wandels Wissenschaft und Moral in eine facettenreiche Beziehung: Als Wissenschaft des Wandels ist die Chemie weniger eine Wissenschaft nur des Seienden (der Materie) als eine des Übergangs zwischen dem Seienden und Nichtseienden. Sie ist eine Wissenschaft des Werdens und darum eine, die selbst mit dem Guten wie dem Bösen zu tun hat. (Jedenfalls wenn man im platonischen Sinn das ewig Seiende mit dem Guten in Beziehung setzt.) Die Chemie muss sich daher in einer moralischen Ambivalenz  verstricken, die sich u.a. darin zeigt, dass sie ebenso zur wissenschaftlichen Erziehung der Jugend gehört, wie sie zur Herstellung von Drogen dienen kann, welche die Jugend in die Hölle der Abhängigkeit führen. Als einer Wissenschaft des Wandels ist der Übergang vom einem zum anderen (und umgekehrt) der Chemie selbst inhärent. Es ist exakt der Übergang, der der Serie ihren Titel gibt, auf den Walters Definition der Chemie anspielt: „Breaking Bad“.

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