Zwischen Scylla und Charybdis

Rezension zu „Wem gehört die Zukunft?“ von Jaron Lanier

(Hoffmann und Campe 2014, 480 S.)

 

Blick aufs Meer von der Festung in Rethymno (Kreta): Könnte Scylla, das mythologische Ungeheuer, einen ähnlichen Ausblick genießen?
Foto: AW

Computernetze bringen nicht nur Gutes. Auf der Schattenseite ihrer Versprechungen droht eine Katastrophe, ausgelöst von extremer sozialer Ungleichheit. Dies beschwört Jaron Lanier in seinem Buch „Wem gehört die Zukunft?“, das zugleich das Projekt vorstellt, durch eine fundamentale Umgestaltung des Internets eine „humanistische Alternative“ zu diesem Schreckensszenario zu eröffnen.

Lanier sucht nach einem Weg, auf dem es dem Menschen erlaubt wäre, noch in einer hochautomatisierten und von hypereffizienten Systemen durchzogenen Umwelt seine Würde zu bewahren. Dazu sei es erforderlich, dass er die Kontrolle über seine Daten zurückerhalte. Längst hätten sich nämlich durch das Internet Strukturen ausgebildet, die uns unsere Daten und mit ihnen letztlich unsere Freiheit entreißen.

Die gegenwärtige Netzkultur gaukle uns vor, Information sei „frei“, im Sinne von gratis. Viele Dienste lockten mit unentgeltlichen Angeboten, um so an die Daten ihrer Nutzer zu gelangen. In Wirklichkeit bezahlten wir aber mit unseren Daten. Denn Daten seien die Währung der Zukunft.

Das vorwiegende Geschäftsmodell im Internet bestehe heute im Kanalisieren von Information. Internetdienste ermöglichten ihren Betreibern eine „perfekte Investition“, denn sie stellten eine Infrastruktur zur Verfügung, die es ermöglicht, die Daten der Nutzer einzusammeln, ohne ein Risiko für Inhalte tragen zu müssen. Dadurch entstehe ein solches Ungleichgewicht, dass die Nutzer der Internetdienste nicht mehr deren Kunden seien, sondern ihre Produkte.

Der Informationsschwindel

Laniers Ziel ist die Beseitigung dieses Ungleichgewichts. Daher fordert er eine gerechte Beteiligung aller an den durch Informationstechnologie generierten Gewinnen. In einem digitalen Netzwerk steuerten alle durch ihre Daten und ihr Verhalten zum Wert des Ganzen bei. Solange dieser nur von wenigen abgeschöpft wird, sei dies ungerecht.

Hinter jeder Aufgabe, die ein digitales Netzwerk übernimmt, stehe letztlich menschliche Kreativität. Der häufig in der Technologiebranche verwendete Ausdruck „Künstliche Intelligenz“ etwa verberge so gesehen einen Schwindel. Wenn mir ein Netzwerk ein Buch vorschlägt, das mich interessieren könnte, wenn es automatisch Texte in andere Sprachen übersetzt, Produktionsprozesse übernimmt oder Fahrzeuge steuert, so könne es dies nur, weil zuvor das Wissen und die Erfahrung wirklicher Menschen darin eingespeist worden seien. Der Profit, der auf der Basis dieser Daten gemacht wird, käme bislang aber zum allergrößten Teil dem Betreiber des jeweiligen Dienstes zugute.

Sirenenserver

Der Mensch neige dazu, sich für klug genug zu halten, selbst tricksen zu können, ohne selbst ausgetrickst zu werden. Diese psychologische Eigenart führe im Zusammenhang mit der Art und Weise, in der die Kommunikation im Internet codiert ist, zum Entstehen riesiger Datenansammlungen. Wie in einem Strudel würden die Daten von den Servern der großen Internetunternehmen, wie Suchmaschinenanbietern oder sozialen Netzwerken, aber auch von Geheimdiensten oder Forschungslabors eingesogen.

Ulysses and the Sirens by H.J. Draper
„Odysseus und die Sirenen“ Gemälde von Herbert James Draper, ca. 1909, Ferens Art Gallery, über Wikimedia Commons

Lanier nennt solche Netzwerkstrukturen daher „Sirenenserver“. Sirenen sind die sagenhaften Halbgöttinnen aus Homers Odyssee, deren süßer Gesang jedem Seefahrer zum Verhängnis wird, der die von ihnen bewohnte Insel passieren möchte. Wie Homers Sirenen verheißen die Sirenenserver unendliches Wissen und Vergnügen. Lanier hält es für naiv zu glauben, man könne sich dem Zugriff dieser Mächte entziehen, indem man auf die Nutzung der entsprechenden Internetdienste einfach verzichtet. Wer dies tut, müsse gleichzeitig auf so viele Leistungen verzichten, dass er sich dadurch gesellschaftlich isoliere. Außerdem seien heute schon eine Vielzahl von Sirenenservern so nahtlos in unsere Realität verwoben, dass sie gar nicht unmittelbar sichtbar werden. Selbst wer bei keinem sozialen Netzwerk Mitglied ist, wer keine Emails verschickt, keinen Kurznachrichtendienste benutzt, wer keine Suchanfragen im Internet aufgibt, wer kein Smartphone und keinen Computer besitzt und Musik, Bilder und Filme nur auf analogen Medien genießt, bekomme es mit der Macht der digitalen Sirenen zu tun. Denn Versicherungen, Rentenkassen, Aktien-, Devisen- und Warenbörsen sind heute ebenso von Servern gesteuert wie Warenhäuser, Nachrichtenagenturen und Transportunternehmen – um nur einige zu nennen. Ihre Macht übten diese unsichtbaren Wesen meist im Verborgenen aus. Mit der NSA-Affäre und dem Streit um „Obamacare“ kann Lanier auf Beispiele verweisen, die das Ausmaß zumindest erahnen lassen.

Zwischen Scylla und Charybdis

Wie Odysseus die gefährlichen Ungeheuer Scylla und Charybdis passieren musste, um die Meerenge nahe der Sireneninsel zu durchqueren, so sind es nach Laniers Analyse ebenso zwei Gefahren, die unsere Zukunft im Angesicht der Dominanz von Sirenenservern bedrohen: Massenarbeitslosigkeit und Datenmissbrauch.

Lanier befürchtet, durch das Internet könnten letztlich mehr Arbeitsplätze vernichtet als neue geschaffen werden. Millionen von Musikern, Fotografen und Journalisten sei so bereits die Existenzgrundlage geraubt worden. Falls sich in weiteren Branchen dasselbe Muster wiederholt, drohe letztlich sogar das Aus der Mittelklasse. Damit aber würde die Funktion des Wirtschaftssystems insgesamt in Gefahr geraten.

Die zweite Bedrohung liege in dem Freiheitsverlust, der durch einen Missbrauch derjenigen Erkenntnisse entsteht, die durch die Auswertung riesiger Datenmengen in digitalen Netzwerken gewonnen werden. Diese, „Big Data“ genannte, Technologie verspricht große Fortschritte im wissenschaftlichen, ökonomischen und politischen Bereich; ohne geeignete Vorkehrungen führe sie aber zum Verlust unserer Privatsphäre und mache uns zum Objekt eines unpersönlichen Beobachters.

Die Lösung

Einen naheliegenden Ausweg aus dem Dilemma, nämlich das Internet als Teil der öffentlichen Infrastruktur unter staatliche Aufsicht zu stellen, lehnt Lanier ab. Er vertritt damit die typisch liberale Skepsis, die jeder Form von Bürokratie einer Einschränkung der Freiheit und der Kreativität verdächtigt.

Stattdessen fordert Lanier mit seinem Buch, dass Daten grundsätzlich honoriert werden müssten; und zwar durch tatsächliche Zahlungen. Diese könnten durch sogenannte Micropayments geleistet werden, das heißt, dadurch, dass für jedes kleine Stück Information ein winziger Geldbetrag gutgeschrieben wird. Dazu müsse allerdings die technische Struktur des Internets so verändert werden, dass alle Daten auf ihre ursprünglichen Urheber zurückverweisen. So ließe sich das strukturelle Ungleichgewicht beseitigen, welches gegenwärtig Sirenenserver über die Maßen begünstigt.

Die Grundidee des Buchs liegt also darin, eine Erbsünde rückgängig zu machen, mit der Lanier die heutige Netzwerktechnik behaftet sieht. Diese liege darin, dass das Protokoll, auf dem das Internet basiert (die HyperTextMarkupLanguage), nur einseitige Referenzen kenne. Das bedeutet, dass Verknüpfungen nur auf ein Ziel verweisen, ohne vom Ziel aus auch auf die Quelle der Verknüpfung zurückzuverweisen. Diese einseitigen Verweise, so will uns das Buch sagen, seien wiederum für diejenige Einseitigkeit verantwortlich, die das Internet gesellschaftlich und ökonomisch befördere.

Lanier hält es für möglich beides zu beheben, indem die gesamte Internettechnik auf zweiseitige Verweise umgestellt wird. Damit greift er auf eine Idee zurück, die der Pionier der Informationstechnologie, Ted Nelson, schon vor der Entstehung des heutigen Internets propagiert hatte. Eine solche Technik würde es erlauben, Informationen unbegrenzt miteinander zu verknüpfen, ohne dass sie kopiert werden muss und ohne dass der Bezug zu ihrer Quelle verloren geht. Dadurch würde es auch möglich werden, die „Urheber“ der Daten gerecht zu entlohnen und gleichzeitig ihre Kreativität optimal zu nutzen.

„Wem gehört die Zukunft?“ ist nur schwer einem bestimmten Genre zuzuordnen. Wenn es als ein „Mash-Up“ aus Populärwissenschaft, Science Fiction, philosophischen Ideen, ökonomischen Theorien, klassischen und amerikanischen Mythen, Pop- und Erbauungsliteratur daherkommt, so ist dies sicherlich gewollt. Mit seinem Vorschlag, statt einseitiger, zweiseitige Verweise zum Aufbau digitaler Netzwerke zu verwenden, verweist Lanier nämlich seinerseits auf eine, „Mash-up“ genannte, Montagetechnik, die heute vor allem aus der Popmusik bekannt ist. Bereits bei Poeten der Beat-Generation wurde das „Mash-Up“ aber auch zur Produktion literarischer Texte eingesetzt. Durch zufälliges Zerschneiden und Zusammenfügen wurden neue Texte erzeugt. Wie aber die Weiterentwicklung dieser Technik im Rahmen digitaler Netzwerke letztendlich zu einer Demokratisierung des Urheberrechts führen soll, vermag Laniers Buch meiner Ansicht nach nicht schlüssig darzulegen. Vielleicht ist dies aber auch nicht das Entscheidende. Zuzustimmen ist dem Autor jedenfalls dort, wo er die Verantwortung jedes Einzelnen bei der Gestaltung unserer Zukunft betont. Die Technik kann uns diese nicht abnehmen. Stattdessen sind wir aufgerufen die Technik nach einer positiven, humanistischen Vision zu gestalten.

Der Held Odysseus ließ seiner Schiffsmannschaft die Ohren mit Wachs verstopfen und sich selbst an den Mast seines Schiffes fesseln um dem Gesang der Sirenen zu widerstehen. „Wem gehört die Zukunft?“ von Jaron Lanier kann als eine Aufforderung verstanden werden, nicht allen Verlockungen der digitalen Technik willenlos nachzugeben. Stattdessen sollen wir uns für unsere Würde und unsere Freiheit einsetzen.

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